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Meine Mutter in ein Heim zu geben, war keine Option.

Drei einzelne Geschichten. Stella Hombach in Die Zeit vom 30. Januar 2019.


3,5 Millionen Menschen sind in Deutschland pflegebedürftig, zwei Drittel von ihnen werden zu Hause versorgt. Doch warum reden Kolleginnen und Freunde über den Kitaplatzmangel, aber nicht darüber, wie schwer ein gutes Pflegeheim zu finden ist? Hier erzählen drei Angehörige, wie es ist, zu Hause zu pflegen, warum sie für die Pflege ihren Beruf aufgegeben haben und warum die gesetzliche Pflegezeit kaum etwas bringt.

  • Nur die berufstätigen Angehörige, die ihre Verwandten selbst pflegen, haben Anspruch auf eine sechsmonatige Pflegezeit.


  • Gliederung von "Meine Mutter in ein Heim zu geben, war keine Option" -
  • 1
Heide A., 53 Jahre, in Pflegezeit
Ich stehe morgens um 6.30 Uhr auf, mache mir eine Tasse schwarzen Kaffee und rauche eine Zigarette am Fenster. Dieser Moment gehört nur mir. Nach ein paar Minuten vibriert für gewöhnlich das Handy in meiner Tasche, genauer gesagt die Babyfon-App. Dann drücke ich die Zigarette aus, stelle den letzten Rest Kaffee zur Seite und gehe nach nebenan in das Schlafzimmer meiner Mutter. Ich helfe ihr, aufzustehen, gehe mit ihr auf die Toilette, wasche sie und ziehe sie an.

85 Jahre alt hatte sie am 16. Juli 2018 einen Schlaganfall. Diagnosen Vorhofflimmern, Darmkrebs – inoperabel. Drei Monate später, als sie wieder zu Hause war, ist sie im Schlafzimmer gestürzt und hat sich den Oberschenkel gebrochen. Lasse ich sie in ihrem Zimmer allein, bekommt sie oft Angst. Demenz in einem fortgeschrittenen Stadium.

Zuerst zu Hause von einer 24-Stundenkraft gepflegt. In dieser Zeit hatte sie Pflegegrad 2.

Erst mal klang die Pflegezeit nicht schlecht: Man wird für bis zu sechs Monate von der Arbeit freigestellt, Renten- und Arbeitslosenversicherung übernimmt die Pflegekasse. Ohne Rücklagen steht man in der Pflegezeit jedoch vor einem finanziellen Fiasko. Denn in den Pflegemonaten wird das Gehalt ausgesetzt und man muss sich selbst versichern. Die 180 Euro für die Krankenversicherung bekommt man zwar nach der Pflegezeit zurück, doch bis dahin muss man das Geld erst mal haben.


……


Ich habe keine Ahnung, wie lange ich meine Mutter noch pflegen werde. Vielleicht sind es nur noch ein paar Monate, vielleicht aber auch Jahre. Meine Oma wurde 104. Doch so schwer die Situation auch ist: Ich bin froh über jeden Tag, den ich mit meiner Mutter habe.


  • 3
"Persönliches Pech"


Melanie R., 47, arbeitslos

Als alleinerziehende Mutter von zwei Söhnen habe ich lang in Teilzeit gearbeitet. Als die beiden sich allein versorgen konnten, stockte ich meine Stunden langsam wieder auf, doch dann wurde mein Vater krank.

……

Ende letzten Jahres (2017) kam mein Vater ein weiteres Mal ins Krankenhaus. Wie der Pflegedienst, war auch das Krankenhaus vollkommen unterbesetzt. Eine Schwester musste sich um zwei Stationen kümmern. Am Ende des Tages war ich es, die meinem Vater beim Essen den Löffel hielt. Er ist dann auch im Krankenhaus gestorben. Diagnose: Herzversagen.

Von da an ging es meiner Mutter immer schlechter. Im April 2018 bekam auch sie Pflegegrad 4.

……


… wenn dem Antrag nicht stattgegeben wird, bekomme ich Hartz IV.

  • 4
"Jetzt tauschen wir die Rollen"
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