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Als besondere Gruppe pflegender Angehöriger sind – zunächst in England – vor einigen Jahren pflegende Kinder oder Jugendliche (engl. Young Carers) in die Aufmerksamkeit professionell Pflegender gerückt. Man spricht hier von young carers, da es sich nicht um Erwachsene, sondern um minderjährige Kinder und Jugendliche handelt. Sie selbst definieren sich überwiegend durch ihren Verwandtschaftsgrad und die damit erlebte Verbindlichkeit/Verantwortung für ihre Eltern oder Geschwister.

Definition

Mit „pflegenden Kindern und Jugendlichen“ sind Personen gemeint, die das 18. Lebensjahr noch nicht vollendet haben und regelmäßig für einen oder mehrere Angehörige sorgen, ihnen helfen und sie pflegen[1]. Diese Kinder tragen eine spezifische Verantwortung, die gesellschaftlich nicht für sie vorgesehen ist und durch die sie sich von anderen Kindern unterscheiden.

Die Häufigkeit? Nach ersten Untersuchungen ging man von ca. 1,5% der Kinder und Jugendlichen aus. Bei einer Studie in Österreich stellte ich jedoch eine Zahl in der Größenordnung um 5 bis 5 % der Jugendlichen heraus. Dies wird weiter zu beobachten sein. Eine Unterstützung solcher Netzwerke ist perspektivisch sicher sinnvoll, um späteren oder gegenwärtigen Problemen der Heranwachsenden mit ihrer Umgebung vorzubeugen.

England

In England – dem Ursprungsland der Young-carers-Forschung – stellte man in mehreren groß angelegten Studien fest, dass in erheblichem Umfang Kinder ganz oder teilweise ihre chronisch kranken oder behinderten Familienangehörigen (Eltern, Geschwister, Großeltern) pflegerisch versorgen. Die Jüngsten der young carers sind nicht älter als drei Jahre, die älteren hatten bereits über Jahre das erkrankte Familienmitglied gepflegt, die Geschwister versorgt, den Haushalt übernommen und dadurch das System der Familie verantwortlich aufrechterhalten.

Die Prävalenz wird in England mit 1,5 % angegeben. Das bedeutet, dass 1,5 % aller in England lebenden Kinder unter 18 Jahren pflegende Kinder sind. Dies entspricht einer Zahl von 175.000 Kindern.

Deutschland

In Deutschland untersuchte Sabine Metzing erstmals die Rolle der Kinder als pflegende Angehörige.[1] Eine genaue Anzahl von pflegenden Kindern in Deutschland gibt es (derzeit) nicht. Überträgt man jedoch die Prävalenz aus England (1,5 %), so sind schätzungsweise 225.000 Kinder in Deutschland pflegende Kinder.

Österreich

In Österreich wurde im Jahr 2012 aufgrund eines parlamentarischen Entschließungsantrags die Situation pflegender Kinder genauer untersucht. Das Institut für Pflegewissenschaft der Uni Wien erhoben dabei erstmals anhand einer großen Zufallsstichprobe an Schulen Prävalenzdaten über pflegende Kinder. In der Stichprobe der 10- bis 14jährigen Kinder konnten dabei 4,5% als pflegende Kinder identifiziert werden. Hochgerechnet auf die Altersgruppe der 5- bis 18jährigen und auf das ganze österr. Bundesgebiet ergibt dies einen Anteil pflegender Kinder und Jugendlicher an der Gesamtgruppe von 3,5% (das wären ca. 42.700 Betroffene). Diese Zahlen übersteigen bisherige Schätzungen.

Phänomen: „Die Familie zusammenhalten“

Eine chronische Erkrankung innerhalb der Familie verändert den Familienalltag und nimmt Einfluss auf alle Familienmitglieder. Hauptsächlich nimmt der Schweregrad der Krankheit und des Pflegebedarfs Einfluss auf die Umgestaltung des Alltags. Zusätzlich sind die Anzahl der Familienmitglieder (Ein- Zweielternfamilien, Einzelkind, Geschwister, Großeltern) und die zur Verfügung stehenden finanziellen Ressourcen von Bedeutung. Kommen viele einschränkende Faktoren zusammen, dominiert die Erkrankung das Leben der Familie und wird so zur Bedrohung. Kinder haben Angst um ihre Eltern und fürchten sich davor, als Familie auseinandergerissen zu werden. Kinder sind bemüht, den Alltag aufrechtzuerhalten. Sie übernehmen aktiv Verantwortung und verfolgen zwei Strategien, um ihre Familie zusammenzuhalten.

Strategie „ ‚Die Lücke füllen‘ und ‚in Bereitschaft sein‘ “

Diese Kinder füllen die Lücken, die durch den Ausfall der erkranken Elternteils für sie selbst und ihre Geschwister aufgerissen sind, und sind in ständiger Bereitschaft, auf Veränderungen, Bedrohungen oder Symptome der Krankheit rechtzeitig reagieren zu können. Sie helfen mit oder sind alleinverantwortlich tätig. Sie tun, was erwachsene pflegende Angehörige auch tun, und sind in allen Bereichen von Pflege und Haushaltsführung aktiv.

  • Hilfen für die Familie als Gemeinschaft sind vor allem hauswirtschaftliche Tätigkeiten, die von der erkranken Person nicht mehr durchgeführt werden können, z. B. kochen, waschen, putzen, aufräumen, einkaufen, Müll entsorgen, Garten in Ordnung halten etc.


Hilfen für die erkrankte Person
  • körperbezogen: Ausscheidungen, Mobilisation und Transfer, An- und Auskleiden, Körperpflege, Nahrungsaufnahme
  • emotional: da sein, sich kümmern, trösten, für Abwechslung sorgen, Verständnis zeigen, Rücksicht nehmen
  • medizinisch/therapeutisch: Medikamentenregime, Wundversorgung, Physiotherapie
  • aufpassen/schützen: für Sicherheit sorgen, dabei bleiben, wachsam sein
  • Übersetzungen: bei Sprachstörung, bei Fremdsprachen
  • im Notfall: werden Tätigkeiten aus allen bisher genannten Kategorien durchgeführt.


Hilfen für gesunde Familienmitglieder
  • Übernahme von elternlicher Fürsorge: auf kleine Geschwister aufpassen, Essen zubereiten, Pausenbrote schmieren, zum Kindergarten bzw. zur Schule bringen und abholen, Hausaufgabenhilfe, ins Bett bringen, wecken, anziehen, Zähneputzen etc.
  • Hilfen für gesunde Elternteile: Trost spenden, da sein, Entlastung durch Übernahme von Tätigkeiten usw.


Hilfen für sich selbst

können beispielsweise sein: selbst ins Bett gehen und aufstehen, selbst Kleidung kaufen, sich selbst etwas zum Essen zubereiten etc.

Strategie „nicht darüber reden“

Kaum ein Kind redet über die häusliche Situation. Dieses Schweigen wird von den Kindern mit „Scham“ und „Vorsicht“ begründet. Sie sagen, dass andere Kinder „eh nicht wissen, worum es geht“, da sie ein Leben mit Krankheit nicht kennen.

  • Scham: Kinder wünschen sich Normalität. Sie möchten nicht „anders“ sein und fürchten sich davor, von Gleichaltrigen „abgestempelt“ und ausgeschlossen zu werden.
  • Vorsicht: Nichts bedeutet für Kinder mehr Gefahr, als dass ihre Familie auseinandergerissen werden könnten. Das Schweigen liegt somit auch in der Angst begründet, dass außenstehende Instanzen (z. B. Jugend- oder Ordnungsamt) die familiale Situation als „nicht haltbar“ einschätzen und die Familienmitglieder „zu ihrem eigenen Besten“ trennen könnten.

Die Strategie „nicht darüber reden“ führt unter anderem dazu, dass betroffene Familien im Verborgenen leben und ihre Situationen und Bedürfnisse bislang nicht bekannt waren.

Auswirkungen

Ein „pflegendes Kind“ zu sein, hat sowohl positive als auch negative Auswirkungen auf die betroffenen Kinder.

positive Auswirkungen
  • gesteigertes Selbstwertgefühl
  • frühe Reife
  • Schaffung von Identität
  • das Gefühl haben, „gut auf das Leben vorbereitet zu sein“.
negative Auswirkungen
  • quasi im Verborgenen leben
  • niemanden zum Reden haben
  • soziale Isolation
  • Verzicht auf die eigene Kindheit
  • Erschöpfung, Überforderung (Selbstpflegedefizit)
  • evtl. schlechte Schulnoten, hohe Fehlzeiten, frühzeitiger Schulabbruch

Anlaufstellen

In Deutschland wächst die Zahl von Beratungsangeboten für Kinder von überwiegend psychisch erkrankten Eltern. Wegen ihrer unterschiedlichen Konzepte sind sie kaum untereinander vergleichbar. Keines dieser Projekte fokussiert auf die Rolle der Kinder als pflegende Angehörige, außerdem liegen zu den Projekten bisher keine Bewertungen vor. Spezifische Unterstützungsangebote für pflegende Kinder existieren in Deutschland derzeit nicht.

Das Fehlen solcher Angebote beeinträchtigt die gesamte Entwicklung der betroffenen Kinder.

Film

Literatur

  • Sabine Metzing (2007): Kinder und Jugendliche als pflegende Angehörige. Erleben und Gestalten familialer Pflege. Hans Huber Verlag, Bern. ISBN 978-3-456-84549-4
  • Sabine Metzing (2007): "Die Familie zusammenhalten" In: Die Schwester Der Pfleger 6/2007
  • Sabine Metzing (2006): "Mit 13 schon Pflegeprofi. Wenn Kinder ihre Eltern pflegen" In: Forum Sozialstation Nr. 139, S.35-39
  • Sabine Metzing, S. Wilfried Schnepp, B. Hübner, A. Büscher, 2006: ""Die Lücken füllen" und "in Bereitschaft sein" - Kinder und Jugendliche als pflegende Angehörige" In: Pflege&Gesellschaft 11(4):351-373 (PDF)
  1. 1,0 1,1 Vorlage:Literatur
  2. Weblinks

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